Platz und Name
Frueher aufstehen. Um 8.30 Uhr statt um 9 Uhr war heute Arbeitsbeginn mit dem Blick in die Weite. Von der Dachterrasse des Oesterreichischen Hospizes aus ueberblickt man die ganze Altstadt von Jerusalem mit dem maechtigen Felsendom, der versteckten Grabeskirche und dem Oelberg.
Wir hatten es nicht leicht mit Matthaeus heute morgen. Aber er auch nicht mit uns. In den Kapiteln 21 bis 23 steckt viel Zeitgeschichte des Jahres 80 nach Christus. Die vielleicht 120 Mitglieder der Gemeinde des Matthaeus sind rausgeflogen aus der juedischen Muttergemeinde. Sie muessen ein eigenes Selbstverstaendnis gewinnen. Leider geschieht das - damals wie heute - ueber Abgrenzung, indem "die anderen"
schlecht gemacht werden. Und Matthaeus ist nicht zimperlich im Austeilen. Aber er will auch seinen eigenen Leuten sagen: "Was fuer die anderen gilt, ist auch euer Bier." Dass Reden und Tun nicht uebereinstimmen, ist auch eine Gefahr fuer die Christen. Dass Aeusserlichkeiten wichtig werden, betrifft nicht nur die Pharisaeer.
Dankenswerterweise stellte sich Matthaeus zum Gespraech zur Verfuegung, nachdem dann auch noch die Weherede (Kap 23) als grosse Abrechnung mit dem pharisaeischen Judentum gelesen war. Auf vier freien Stuehlen in der Mitte waren alle Pilger eingeladen, Platz zu nehmen und Matthaeus zu loechern - oder selbst in seine Haut zu schluepfen. Es war ein reges Gespraech, das die Zeit zwischen den Jahren 80 und 2008 ueberbrueckte.
Dann hiess es, Schuhe anziehen. Knapp vier Kilometer Fussmarsch durch die juedische Neustadt machten klar, dass hier nicht nur seeehr viele alte, heilige Steine herum liegen, sondern dass Jerusalem auch eine ganz normale Grossstadt ist. Im Kreuzkloster wird die Stelle verehrt, an der der Baum gewachsen ist, aus dem das Holz fuer das Kreuz Jesu gemacht wurde. Die Volksfroemmigkeit hat von Adam eine Verbindung ueber Lot bis hin zu Jesus hergestellt - nicht nur Legende, sondern auch Zeichen, dass "Tradition" etwas Lebendiges ist.
Dann Yad Vashem.
Fotos, Zeugnisse, Zahlen und Namen der Ermordeten; Erinnerungsstuecke, die der Vernichtung zufaellig entgangen sind - die Gedenkstaette fuer die Shoa (Holocaust) hat eine ganz eigene Wirkung, nicht nur, weil wir Deutsche sind. "Yad Vashem" heisst uebersetzt "Ort und Name" und geht auf Jesaja 56,5 zurueck. Bei Gott hat jede und jeder einen "Ort und Namen", mehr noch: einen "ewigen Namen, der nicht ausgeloescht werden soll". Ein Protest gegen alles von Menschen verursachte, himmelschreiende Unrecht. Wir haben versucht, die Eindruecke ins Abendgebet mitzunehmen, wieder auf der Dachterrasse wie am Morgen.
Erfreulicherweise haben wir jeden Abend die gleiche Nachricht: Es geht uns allen gut. Der muede Punkt von gestern scheint ueberwunden. Dazu passt es, dass wir nach dem Abendgebet noch lange auf der Dachterrasse auf dem Boden sassen, den warmen Wind und den Fast-Vollmond genossen haben, nachdem es in den letzten Tagen nach Sonnenuntergang doch recht kalt war.

