Kreuz und quer
Dankbarerweise gibt es zehn Schritte vom Hospiz entfernt eine armenisch-katholische Kirche. Die Entscheidung fiel leicht, dort um 9 Uhr den Gottesdienst mitzufeiern. Schade nur, dass statt des erwarteten orthodoxen Ritus eine ziemlich schlichte lateinische Messe in englischer Sprache gefeiert wurde. In der Grabeskirche gab es dafuer orthodoxes Ambiente zuhauf. Es riecht nach Weihrauch und Rosen, Glocken laeuten, Prozessionen ziehen lautstark durch die Gaenge.
Entlang der Stadtmauer ging es zur Dormitio, der deutschsprachigen Benediktinerabtei, und weiter ins juedische Viertel. Vermutlich haben saemtliche Schulkinder aus ganz Jerusalem heute ihren Jahresausflug in der Altstadt verbracht. Alle Klassen werden von bewaffneten Aufsehern begleitet - eine fremde Erfahrung fuer uns. Ebenso wie die jungen Soldatinnen, ebenfalls auf Ausflug und kaum aelter als 18 Jahre, die in Uniform und in Kompaniestaerke haendchenhaltend durch die Strassen schlendern. Mit Blick auf den heiligen Bezirk endete der gemeinsame Stadtrundgang; Zeit zur Siesta oder zum Bummeln oder Steine gucken.
Erst am Nachmittag haben wir die Bibel wieder aufgeschlagen. Das Thema von gestern ging weiter. Was macht einen Juenger zum Juenger? In Kapitel 10 ging es um den Auftrag der Verkuendigung nach aussen. In den Kapiteln 18 bis 20 wendet Matthaeus den Blick nach innen: Was macht eine christliche Gemeinschaft aus? Wir haben versucht, Standbilder zu formen, um den Text nicht nur zu hoeren, sondern auch zu sehen und haben unsere Gedanken mit dem reichen Juengling und dem Gutsbesitzer verbunden, mit den Soehnen des Zebedaeus und den Arbeitern im Weinberg. Die Stichworte sind Armut und Dienst, Bereitschaft zur Versoehnung und Barmherzigkeit.
Die Kapitel 24 und 25 mit der Endzeitrede waren eine Nuss, die wir nicht wirklich geknackt haben. Apokalyptisches Denken mit Sternen, die vom Himmel fallen, ist uns einfach fremd. Wir wuerden die Aufforderung, Verantwortung zu uebernehmen fuer sich und die Welt wohl in eine andere Sprache packen. Aber auch Matthaeus will seine Leute motivieren, die Dinge in die Hand zu nehmen und er will sie in schwieriger Situation troesten.
Am Abend kam Jochen Stoll bei uns vorbei. Er ist seit vier Monaten im Auftrag von Pax Christi als Friedensfachkraft in Israel und baut ein Projekt im interreligioesen Dialog auf. Er hat aus dem alltaeglichen Naehkaestchen geplaudert und deutlich gemacht, wie kompliziert selbst kleinste Dinge sein koennen: die einen duerfen nicht nach Betlehem, die anderen nicht nach Jerusalem. Wenn die Schule Talita Kumi demnaechst hinter der Mauer verschwindet, bleiben als Treffpunkt fuer Juden, Muslime und Christen nur noch Zypern oder die Tuerkei. Kein Wunder, dass es im Grossen stockt, wenn schon die kleinen Dinge so unendlich komplex sind.
In der Gruppe sind immer noch alle wohlauf, wir muessen keine Krankheitsverluste melden. Jedoch macht es sich bemerkbar, dass die Stadt anstrengend ist und das Beduerfnis nach Auszeit zunimmt. Aber wir halten tapfer durch, bei Sachertorte und Capuccino im Hospiz, Falafel und Baklava im arabischen Markt.

